DER STANDARD, 31. Dezember 1999


Der Blick in die Zukunft

Der Blick in die Zukunft

ORAKEL-LEITFÄDEN: Wie wird das nächste Jahrtausend? Wir wissen ja nicht einmal, ob am 1. Jänner das Licht angehen wird. Fragen wir doch gleich Delphi oder Näherliegendes.


Elisabeth Tree

Was passiert im neuen Jahrtausend? Viele machen Prognosen, aber nur wenige wissen, welcher sie trauen sollen. Es ist fast schon egal. Man kann genauso gut das eine oder andere Orakelbuch hernehmen und dessen Erklärungen folgen. Am besten gleich mehreren. Was hiemit geschieht.

Die Antworten sollten nicht als absolute Wahrheit gesehen werden, sondern eher als Stütze, um die vielfältigen Aufgaben des Alltags zu lösen. Das Geheimnis, so sagen auch die meisten Verfechter des Orakel-Gedankens, ist die Interpretation.

Die folgenden deutenden Orakel sind nur eine kleine Auswahl. Nicht alle sind jedermanns Sache: Wer liest schon gerne wie etwa die Hethiter aus Eingeweiden von Vögeln?

Die Kriterien:

Folgende Fragen werden beantwortet:
1. Wie einfach ist das Orakel durchzuführen? Wie gut ist die Gebrauchsanweisung?
2. Wie leicht sind die "Zutaten" erhältlich?
3. Wie exakt sind die Antworten?
4. Wie unterhaltsam ist das Orakeln? Kann man es nur allein oder auch in der Gruppe durchführen?

Alle Bewertungen erfolgen getrennt nach Schulnoten (1 = sehr gut). Eine Durchschnittsnote zeigt den Gesamteindruck.

Die Ergebnisse:

Das I-Ging-Orakel:

Das I-Ging ist mehr als 5000 Jahre alt. Es beschreibt das kosmische Gesetz, dass der Geist und die Materie eins sind und sich das Leben zwischen dem Yin- und Yang-Pol hin-und herbewegt. Man wirft sechsmal drei Münzen. Ideal ist es, die Münzen vorher einige Minuten in der Hand aufzuwärmen. Jeder Wurf wird in Linien umgewandelt. Drei Linien ergeben ein Trigramm, zwei Trigramme bilden das Hexagramm, das Aufschluss über die Zukunft gibt. Das Hexagramm wird von unten aufgebaut. Verwendet man Ein-Schilling-Münzen, steht die Zahl für Yang und die Blume für Yin. Das Yang wird mit einer geraden Linie symbolisiert, das Yin mit einer unterbrochenen Linie. Ein Überwiegen der Münzsymbole bei einem Wurf zeigt die Orientierung der Schwingungen an. Bei drei gleichen Symbolen ergibt sich die Wandlung also ein umgekehrtes Symbol. Mittels Tabelle, in welche die beiden Trigramme eingetragen werden, findet man einen Kreuzungspunkt mit einer Nummer des Hexagramms. Diese gibt die Antwort auf die gestellte Frage. Es gibt 64 unterschiedliche Antworten. Nr. 64 bedeutet: "Vor der Vollendung". Gehen Sie nicht zu forsch vor. Eine günstige Zeit liegt vor Ihnen. Gehen Sie mit Kritik sparsam um.
Getestet wurde: R. E. Wing: "Das Arbeitsbuch zum I-Ging: Die Anleitung zur praktischen Anwendung des Orakels im Alltag"; Heyne-Verlag. Jede Linie des Hexagramms wird einzeln interpretiert. Alle 64 Hexagramme werden detailliert analysiert. Man lernt, sehr komplexe Strukturen zu verstehen. Das benötigt allerdings Zeit und Muße bzw. auch Durchhaltevermögen für das Studium der ausführlichen Deutungen.
Noten: 2/1/2/3; Gesamtnote: 2.

Das Tarot-Orakel:
Das Tarot dient nicht nur der Zukunftsdeutung, sondern auch der Selbstfindung. Wichtig ist, sich bei jeder Karte zu fragen, was das Symbol mit dem eigenen Leben zu tun haben könnte. Eine Tarotkarte kann sich entweder auf Sie selbst beziehen oder auf eine Person, für die Sie das Tarot befragen. Sie gibt Auskunft über die Gegenwart, Vergangenheit und die Zukunft. Wichtig ist auch die Stellung der Karten, also ob sie richtig liegen oder auf dem Kopf stehen. Das klassische Tarot enthält 78 Karten, vom Narr bis hin zum Gericht. Bei der einfachsten Variante werden drei Karten gezogen: Eine für die Vergangenheit, eine für die Gegenwart und die dritte für die Zukunft.
Getestet wurde: Evelyne Bürger und Johannes Fiebig: "Tarot für Einsteiger", A. E. Waite Set Nr. 1 mit Karten; Verlag Königsfurt. Hier werden viele Legemuster zu unterschiedlichen Fragestellungen erklärt. Zu Entscheidungsfragen, dem Traumziel, dem Gipfel des Glücks etc. werden aufschlussreiche Erklärungen gegeben. Die Skizzen der Legeversionen werden klar und deutlich, vor allem aber auch verständlich erläutert.
Noten: 1/2/3/3; Gesamtnote: 2,25.

Das Orakel mit den Miwinschen Würfeln:
Das Würfelorakel basiert auf dem uralten Wissen der Numerologie. Um eine allgemeine Situation zu klären oder das Tageshoroskop zu erfahren, wird mit allen drei Miwinschen Würfeln gleichzeitig gewürfelt. In einer Tabelle steht, was die jeweiligen Zahlen bedeuten. Zur Ermittlung des Horoskops etwa müssen die Würfel so gereiht werden, dass die niedrigste Zahl am Anfang liegt. Wirft man zum Beispiel eine Zwei, eine Fünf und eine Vier, kommt 245 heraus. Laut Nachschlagetabelle heißt das, dass der Erfolg nicht lange ausbleiben wird, wenn man eine vermittelnde Haltung mit Nachdruck vertritt. Tipp: Vor jedem Wurf sollte man sich einige Sekunden auf die Frage konzentrieren.
Getestet wurde: Michael Winkelmann: "Göttliche Spiele - Miwinsche Würfel: Orakel, Deutung und Prognose"; Verlag Arquus. Dieses Orakel kann man auf jeder glatten Oberfläche durchführen. Die Würfel sind handlich. Nach einer kurzen Konzentrationsphase hat man sofort das gewünschte Ergebnis vor sich liegen. Einige Spiele sind rasch erlernt und geben sofort Antwort auf die gestellten Fragen. Andere muss man aus der Gebrauchsanweisung Schritt für Schritt lernen - eher eine Sache für Mathematiker. Die Aussagen sind klar verständlich und brauchen keine weiteren Deutungen.
Noten: 1/3/1/2; Gesamtnote: 1,75.

Das Kaffeesatz-Orakel:
Man kocht einen Espresso oder Mokka aus mindestens drei Esslöffeln Kaffee. Der Satz bildet sich in ca. fünf Minuten. Dann gießt man den Kaffee ab oder trinkt ihn vorsichtig. Der Sud muss erhalten bleiben. Danach wird das Häferl mit der Untertasse abgedeckt, kräftig geschüttelt und umgestülpt. Ein Teil des Satzes verteilt sich so auf dem Teller, der andere bleibt in der Tasse. Damit hat man zwei Muster: Eines auf der Untertasse für die Zukunft und eines im Häferl für die Gegenwart. Je näher ein Symbol zum Rand des Tellers liegt, desto eher wird das vorhergesagte Ereignis eintreten.
Ein Kaffeebild auf der Untertasse könnte etwa ein Rad sein. Das zeigt einem, dass man endlich eine Entscheidung treffen sollte. Eine Pyramide symbolisiert langsamen, aber sicheren Aufstieg. Wichtig bei dieser Art von Orakel sind Intuition und eigene Kreativität. Ein Nachteil: Manchmal ist es nicht leicht, ein Symbol zu erkennen.
Getestet wurde: Gerhard Merz: "Das große Buch der Orakel"; Verlag Cormoran; Das Spiel ist besonders für lange Partynächste geeignet, bei denen man den Satz immer wieder bewundern kann. Im richtigen Moment kommt der Gedankenblitz. In einer interessanten Runde können so gute Deutungen herauskommen. Das Orakel macht Spaß und ist vieler-orts leicht zu testen.
Noten: 2/1/4/2; Gesamtnote: 2,25.

Bleigießen:
Die Kunst des Bleigießens ist rasch erlernt und kinderleicht: Auf einem Löffel wird zuerst das Blei geschmolzen und dann rasch in eine Schüssel mit Wasser geleert. Wichtig: Verwenden Sie keinen Silberlöffel, der Schmelzvorgang würde sonst zu lange dauern.
Wenn man das Bleigebilde aus dem Wasser nimmt, sollte man dem ersten Eindruck nachgehen. Auswertungstabellen zeigen unterschiedlichste Interpretationen. Oft entstehen muschelähnliche Formen, das bedeutet Glück. Eine Blüte z. B. zeigt, dass ein Vorhaben gelingen wird und ein Adler, dass Ihnen Ehre zuteil wird.
Getestet wurde: "Orakeln - der Blick in die Zukunft"; Verlag Ludwig. Bleigießen ist kinderleicht, geht rasch und lässt sich in fast jedem Silvesterprogramm unterbringen. In der Gruppe fällt es leichter, eine Interpretation für das Gebilde zu finden.
Noten: 1/1/4/1; Gesamtnote: 1,75.
Das Gummibärli-Orakel:
Sie ziehen aus einem Sack Gummibärlis fünf Exemplare: Diese werden der Farbe nach geordnet, zuerst die roten, dann die gelben, dann die grünen und am Schluss die orangenen. In einer Aufstellung liest man nun nach, was das Schicksal via Gummibärlis vorhersagt. Drei rote und zwei orange Bären bedeuten, dass Sie sexy und wenig leichtgläubig sind. Zieht man fünf orange Bären, so sagt das, dass man besonders kreativ ist und diese Phase noch lange anhalten wird.
Getestet wurde: Dietmar Bittrich: "Das Gummibärli-Orakel"; Goldmann Verlag. Die Interpretation ist originell, die Deutung der Zukunft und des Schicksals allerdings nicht präzise. Die Gummibärlis schmecken hervorragend, doch das Orakel hat wenig Spannung, weil kaum Kreativität und Einfühlungsvermögen gefordert werden.
Noten: 1/2/4/5; Gesamtnote: 3.

Das Schlüssel-Orakel:
Schlüssel mit Bart gibt es hoffentlich noch in jedem Haushalt. Sucht man für sich allein eine Antwort, so reicht ein Schlüssel. Will man eine Partneranalyse, benötigt man zwei. Der oder die Schlüssel werden aus einer Höhe von etwa 30 bis 40 Zentimetern auf eine Filzunterlage geworfen. Je nach Richtung des Bartes und Lage des Schlüssels enthält man unterschiedliche Antworten. Beispiele für mögliche Schlüsselorakel und was sie bedeuten: Liegt der Schlüssel senkrecht mit dem Bart nach rechts oben, deutet das darauf hin, dass man es in den nächsten Monaten nicht leicht haben wird, das Ziel aber schließlich doch erreichen wird. Das Partner-Orakel ist ebenfalls recht einfach: Treffen einander die Schlüssel mit dem Bart zugewendet, sind viele romantische Stunden sicher. Beide Schlüssel parallel mit dem Bart nach oben zeigen, dass die Gefühle, die man Ihnen entgegenbringt, 100-prozentig echt sind.
Getestet wurde: Gerhard Merz: "Vom I-Ging und Geomantie bis Baumorakel"; Ludwig Verlag. Die Stellungen der Schlüssel sind gut illustriert und klar verständlich. Start frei zum Schlüsselwurf!
Noten: 1/1/3/1; Gesamtnote: 1,5.

Abschließende Beipackbemerkung: Ihr Unterbewusstsein, das sagen die überlieferten Schriften, kennt die Antworten eh schon lange. []

Die Autorin ist Erfinderin, PR-Beraterin und orakelt selber nicht
ungern.


DER STANDARD, 31. Dez. 1999 / 1./2. Jan. 2000
Buch